Weil Bildung manchmal Glückssache ist

Vor drei Tagen sind mein Bruder Jonas, der das Projekt mitbegleiten wird, und ich in Livingstone angekommen. Wow, der warme Empfang ist umwerfend! Für die Leser, die über die aktuelle politische Situation in Sambia informiert sind: Uns geht es gut und hier ist – trotz der Tatsache, dass Livingstone Oppositionshochburg ist – gerade alles halb so wild.

Nach elf Monaten aufregender Vorbereitungs- und Planungszeit startet diesen Samstag endlich offiziell The Smile Project – Theatre Experience School Zambia. Mit großer Vorfreude fiebert das Team dem ersten Projekttag entgegen, zuvor muss jedoch noch eine Menge erledigt werden. So nutzen wir diese Woche, um den Bürgermeister, das Schulamt, die vier beteiligten Schulen, die Kinder und Schulleitungen zu besuchen, Details zum Transport und der Verpflegung der Kinder zu besprechen und….vor allem einmal ganz kurz den Atem anzuhalten:

Durfte ich mir im März schon von einigen Bildungspartnern einen Einblick verschaffen, realisiere ich nun, dass dies eine Art rosaroter Ausschnitt der generellen Bildungssituation war. Es ist Dienstagnachmittag als uns der Fahrer an einem matschigen Trampelpfad in Malota aussteigen lässt. Wurde ich zuvor informiert, dass Malota das Ghetto von Livingstone ist und in den letzten drei Monaten die Jugendkriminalität durch Kinderbanditen extrem angestiegen ist, konnte ich mir bis dahin in meinem Kopf dennoch kein Bild davon machen. Wir gehen durch einen kleinen schmalen Weg, trotz Sonnenschein erscheint hier alles durch die enge Besiedelung kleiner Ziegelsteinhütten vor denen Mütter im Feuer Holz für den Kohleverkauf auf der „Straße“ anbrennen, den verwachsenen Straßenrändern, in denen Kinder spielen, alles dunkel. Wir bahnen und den Weg durch zum Schulgelände und werden herzlich im Lehrerzimmer, das ca. 3 qm² groß ist, in Empfang genommen. Der Schulleiter Mr. Litia erzählt uns frustriert, dass die Schule bis auf einige ehrgeizige Volunteers keine Unterstützung erhält, 90% der Kinder benachteiligt, also krank, immens verarmt oder verwaist sind und Achtung: 100 Kinder mit einer Lehrerin in einem Klassenraum sind. Als wir die Klassen besuchen, müssen wir mit Schrecken feststellen, dass es nicht für jedes Kind einen Stuhl gibt, Bücher und Stifte schon gar nicht. Was ich als Ausnahmezustand wahrnahm ist hier Realität. Die meisten Community Schools ohne weitere Förderung müssen unter diesen Umständen lehren. Mr. Litia zeigt sich trotz des sichtlichen Stresses sehr kooperativ und sicherte uns zu, dass pädagogisches Personal die Kinder am Samstag zum Projektstart begleiten würde.

Randnotiz: War ich von der Situation in Malota noch lange ergriffen, realisierte ich am nächsten Tag, dass das quasi noch „Luxus“ war: Die Sozialarbeiter des SOS Kinderdorfes hatten uns zu einer Umweltaktion im Nwenge Markt eingeladen. Gemeinsam mit der Trommelgruppe des Kinderdorfes, Aktionen von Barefeet Theatre und Plakaten versuchen sie bei den Bewohnern des Viertels Aufmerksamkeit zu erlangen, um sie über Folgen der Müllverbrennung aufzuklären. Als wir dort ankamen, war ich sprachlos. Zwischen den Marktständen lagen unzählige betrunkene Menschen in Pfützen aus stehendem Gewässer und Müll. Zwischen ihnen spielten Kinder, wurden Säuglinge gestillt und Frauen versuchten Ware an den Mann zu bringen. Als die Künstler von SOS und Barefeet loslegten, sammelte sich eine große Menschenmasse Drumherum. Der Plan der Sozialarbeiter ging auf: Nun konnten sie die Menschen darüber informieren, dass sie ihren Müll nicht verbrennen sollen, wie es hier üblicher Weise einfach auf offener Straße gemacht wird. Da wir als Weiße, wie so oft, an diesem gerummelten Platz sehr auffielen, kamen Alt und Jung zu Jonas und mir, suchten das Gespräch und gaben uns die Hände. Mindestens jeder zweite davon war betrunken. Total ergriffen war ich, als ich merkte, dass auch die Kinder und Teenager teilweise betrunken waren. Ich wunderte mich, warum so viele Kinder an einem Mittwochmorgen auf diesem Markt rumliefen. In diesem Moment flüstert unsere Kollegin von SOS: „They don’t go to school. They can’t.“ Dass sich die Kinder um die Infoflyer rauften, obwohl sie nicht lesen können, ergriff ebenso.

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