Zum künstlerischen Konzept und „Blessing in disguise“

The old man: Again you are going too far. Just say that the horse is back, and say that twelve horses have come with the cow — but don’t judge. Who knows whether it is a blessing or not? It is only a fragment. Unless you know the whole story, how can you judge? You read one page of a book, how can you judge the whole book? You read a sentence in a page — how can you judge the whole page? You read a single word in a sentence — how can you judge the whole sentence? And even a single word is not in the hand — life is so vast — a fragment of a word and you have judged the whole! Don’t say that this is a blessing, nobody knows. And I am happy in my no-judgment; don’t disturb me.
(Auszug aus „Blessing in disguise“)
(Choreografie-Experiment über Leiden der Mocking Village.)

Nach den ersten Workshoptagen hatten Susi und Felix (unsere beiden großartigen Barefeet Künstler) und Jacob und ich nun viele Eindrücke von möglichen Geschichten für ein Theaterstück, Inspiration für Lieder und Tänze mit den Kindern und Jugendlichen gesammelt. Schrieb ich bereits im Artikel zuvor, dass überraschender Weise fast jede Arbeitsgruppe zum Darstellen einer Unglücksgeschichte, statt Glücksgeschichte neigte, bei denen es meistens um Alkohol, Missbrauch, Verlust und Tod ging, entstanden im Laufe der Zeit auch absurdere und fröhliche Musiken und Tänze. War der ursprüngliche Anspruch für das Projektende diese einfach jeweils für sich vorzuführen, packte uns vier Workshopleiter und die ganze Gruppe jedoch der Wille die Ideen der Jugendlichen in ein gemeinsames Ganzes zu integrieren und den Zuschauer am Festivaltag auf eine Reise zu nehmen. So trieb uns die Frage: Was wollen wir dem Publikum erzählen? Die Themen, die die Kinder und somit auch viele Bewohner Livingstones beschäftigen sind erschreckend und oft einfach nur richtig traurig. Das – obwohl gar kein konkretes Problem in einer Workshopsession behandelt wird, sondern einfach nur getobt und gespielt wird und auf einmal ein Kind weint, weil etwas „hoch kommt“ – passierte gelegentlich öfter. Den Trigger dafür sah man sehr schwer. Man kann die Armut, die schlechte gesundheitliche Versorgung der Stadt, daraus resultierendes Sterben einiger Eltern der Kinder, das Problem mit der Müllverbrennung auf offener Straße, den Alkoholmissbrauch von Eltern und Kindern genauso wenig leugnen, wie die Tatsache, dass es dafür wohl gar keine richtige Lösung gibt. (An dieser Stelle würde ich normalerweise gerne die Bildungsdebatte lostreten, resigniere an dieser  Stelle aber gerade selber etwas da….Nein. Das braucht irgendwann einmal einen superlangen extra Artikel). Der Teufelskreis im Mikro-und Makrokosmos ist zu groß. Spannenderweise wissen das die Kinder und Jugendlichen aber selbst und berichteten fast täglich von ihren eigenen Ideen mit einem Umgang dessen und ihrem Ventil trotz des vielen Negativen glücklich zu sein, das eine nicht gegen das andere abzuwiegen und beides nebeneinander bestehen lassen zu können. Das Lesen der Bibel (Religion ist hier ein sehr großes Thema, einige Kinder nehmen sogar ihre Bibel mit in den Theaterworkshop, um in den Pausen darin zu lesen), Akrobatik auf der Wiese oder ein Spaziergang mit der Oma sind nur einige Beispiele.

In einem Workshop äußerte Nancy (15): “Where is trust, there is happiness.“ Da klingelte etwas bei mir. Im Rahmen der inhaltlichen Vorbereitungen hatte ich vor einigen Monaten einmal eine Geschichte gelesen: “Blessing in disguise“ bzw.“ The Old man’s horse“. Dies ist eine alte überlieferte Erzählung, deren Glücksdefinition beinhaltet, dass man ein Buch nicht nach einer Seite beurteilen kann und Vertrauen die Grundlage für den Umgang mit den verschiedensten Lebenssituationen bildet.

(Beim Hören der Geschichte. Abtauchen.)

Am nächsten Tag lasen wir gemeinsam die Geschichte und die Gruppe hörte  gar nicht mehr auf zu diskutieren. Alle saßen nun im Boot. Da es in der Geschichte um ein Dorf und deren Verurteilung eines alten Mannes, der trotz Armut sein Pferd nicht verkaufen wollte, ging, bot sich die Möglichkeit die Glücks- und Unglückstheaterstücke der Kinder den Dorfbewohnern zu zuschreiben. Ebenso bekam die Poetry-Gruppe (erzählte ich schon, wie beeindruckend Jugendliche hier in Poetry-Kunst sind? Da fliegen einem die tiefgründigsten selbstentwickelten Reime und Zitate in einer Wahnsinns Lautstärke und Artikulation um die Ohren, als ob alle Schauspiel an der Hochschule studiert hätten) die Aufgabe ihre Gedichte in Zusammenhang mit der Konklusion des Stückes zu setzen und eine Einleitung zu formulieren. Die Musik- und Tanzgruppe setze die Atmosphären und Stimmungen ihrer Werke in den dramatischen Kontext des Stückes und sorgten für Spiegelung und Fortführung der Emotionen beteiligter Figuren bzw. der Dorfgemeinschaft.

(Beim Improvisieren einer Stückszene.)

Was fehlt: Wir brauchen eine Kuh. Die ursprüngliche Geschichte spielt zu Zeiten eines chinesischen Königreiches, weit weg von der Alltagswelt der Smile Project Jugendlichen. Das wird kurzerhand von den Kindern selber geändert. An einem Workshoptag packten sich alle die Geschichte und machten sie zu einer sambischen Erzählung. Das Pferd wurde zu einer Kuh (die hat hier besondere Bedeutung) ausgetauscht und die Dorfaktivitäten zu Nshima Kochen, Handwäsche und Markttreiben umgewandelt. Volkslieder führen in den sambischen Süden. Der Krieg bleibt gleich. Zu They don’t care about us von Michael Jackson entwickeln die älteren Teilnehmer eine Kriegs-Choreografie und tanzten sich zu Tode. Als sie uns ihre Ideen das erste Mal präsentierten, bevor wir mit ihnen daran feilten, hatte ich einen Kloß im Hals. Aber deswegen lieben wir ja das Theater.

(Danke an die Künstler Clemens und Peter und die Schüler von Holy Cross für das Gestalten unserer Stückkuh.)

Aus einer 10 Minütigen Erzählung ist nach einer intensiven Woche, bei der ein Workshoptag länger als der vorherige wurde ein 50-60 minütiges Theaterstück mit Akrobatik, Gesang, Trommelmusik, Poetry, Figurentheater und Tanz geworden, indem 55 Kinder und Jugendliche mitspielen. Trotz vieler großen Gruppenszenen hat jeder eine eigene Aufgabe, muss auf zack bleiben und kann sich nicht hinter den anderen verstecken. Es sei denn es steht im Stück ;).

Randnotiz zum zwischenmenschlichen Umgang: Ich bin beeindruckt wie unkompliziert klein und groß miteinander arbeiten, sich gegenseitig helfen und ohne immenses Einwirken unserer Seite als Workshopleiter einen Blick dafür haben, wie jeder stark aussehen kann. Schwache gibt es in ihren Augen nicht. Die Hauptrollen wurden gecastet, doch auch hier lief alles fair und verständnisvoll ab. Bekam eine Person nicht die gewünschte Rolle, fand sie im nächsten Moment eine andere Möglichkeit sich einzubringen. Hier wird einfach gemacht.

(Mindmapping zur Diskussion welche Teile der Geschichte am besten mit Poetry präsentiert werden könnte.)

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